[Tustep-Liste] OpenType-Unterstuetzung

Hans Derkits Hans.Derkits at utanet.at
Sat Oct 7 23:42:09 CEST 2006


       Lieber Herr Gasperlin,

entschuldigen Sie bitte meine verspätete Antwort. Ich war die
letzten Tage nicht in Wien und kam kaum an einen Rechner.

Unter "Unicode-Fonts" verstehe ich 2-Byte-Fonts, deren Kodierung
der Unicode-Standard zugrunde liegt.

Das sind alle neueren TrueType-Fonts (also fast alle
mitgelieferten Windows-Schriften) und OpenType-Fonts.  Der
Unterschied zwischen den beiden liegt im mathematischen
Algorithmus zur Kurvendefinition der Zeichen - OpenType-Fonts
beruhen wie Type-1-Fonts auf der qualitativ besseren
PostScript-Zeichendefinition, TrueType-Fonts nicht.

Ein paar Ergänzungen zu meinem Posting und - soweit möglich -
meine Antworten auf Ihre Fragen:

Ich teile Herrn Trauths Meinung nicht, dass auf Unicode
basierende Fonts 'vollständig' sein müssten, um damit arbeiten zu
können. 'Vollständige Schriften' im Sinne des Vorhandenseins 
eines jeden im Unicode vorgesehenen Zeichens sind auch nicht das 
Ziel des Unicode-Standard.  Ein solcher Font würde mehr als 
65.000 Zeichen umfassen wovon Sie 99,7 % nie benötigen, er wäre 
riesengroß und sündteuer.  Deshalb werden auch Unicode-basierte 
Schriften für bestimmte Sprachgruppen 'lokalisiert' 
ausgeliefert.

Im Alltagsgebrauch muß nicht einmal der lateinische Zeichensatz
'vollständig' sein, weil das Setzen fliegender Akzente schon im
Font selbst vorgesehen ist.  Die Diakritika werden dabei
allerdings durch Maßangaben direkt im Font exakt positioniert.

(Soweit ich verstehe, positioniert #SATZ sie mit Hilfe von
Mittelwerten, welche anscheinend für alle Schriften dieselben
sind.  Deshalb die mitunter zweifelhaften Ergebnisse bei
unerwartenen Zeichenmaßen oder Schrägstellungen. #SATZ wird ja
von einer privaten Firma gepflegt, es wäre also gut möglich, dass
hinter der mangelnden Aktualität und dem - üblicherweise ja
funktionierenden - jetzigen Akzentpositionierungsalgorithmus auch
kommerzielle Interessen eine Rolle spielen.)

In Unicode-Fonts werden Akzente automatisch über (oder unter) das
vorhergehende Grundzeichen gesetzt, auch wenn dieses bereits
einen fliegenden Akzent trägt.  Möglich sind 3 Ebenen über und
unter dem Zeichen, die Anordnung ist nicht, wie bei TUSTEP, von
oben nach unten, sondern von innen nach außen.

Auch wenn die vorhandenen 2-Byte-Schriften nicht für jedermanns
Gebrauch komplett sind, ist der Mechanismus der
Diakritikakombination, um den es Ihnen ging, jener des heutigen
#SATZ überlegen.

Hier auf alle Details zu antworten wäre schwer - ein herzliches
Dankeschön an Herrn Giacomazzi für seinen Überblick.  Dazu noch
ein paar Details und Argumente aus meinem Alltagsgebrauch:

- Danach sind die meisten Unicode-Fonts in Hinblick auf
  Diakritika (um die es hier geht) hinreichend ausgestattet.

- In 2-Byte-Schriften gibt es auch die Möglichkeit,
  selbstdefinierte Zeichen in einem unabhängigen 'privaten
  Bereich' des jeweiligen Fonts abzulegen (ob Diakritika,
  Sonderzeichen, Firmenlogos oder andere).  Damit erübrigt sich
  die bisher für #SATZ notwendige Sammlung eigener
  'Sonderzeichenfonts'.

- Moderne Fonteditoren erlauben beliebige Konvertierung zwischen
  den drei Fonttypen (Type-1, TrueType, OpenType)

- Der Aufwand, sich den Umgang mit einem Font-Editor anzueignen
  ist nicht halb so groß wie der für #SATZ oder #KOPIERE.

- Um einen Font-Editor bin ich auch bei Type-1-Schriften nicht
  herumgekommen, eine im Lauf der Jahre entstandene reiche
  Sammlung von 'Sonderzeichenfonts' gibt davon Zeugnis. 
  Deren Zeichenkodierung stimmt nicht mit den üblichen
  Ein-Byte-Standards überein. Weil die darin enthaltenen Zeichen
  dort nicht vorgesehen sind, müssen sie per Schrift- und
  Zeichennummer angesprochen werden, ("hardware-nahe 
  Anweisungen", z.B. "&!(##49998/376)").

- Es gibt viele brauchbare 2-Byte-Schriften, und man kann die
  vorhandenen ergänzen (wie wir früher die Type-1-Fonts ergänzt
  haben), auch Type-1-Schriften zu OTF oder TTF konvertieren.

- Alle allgemein üblichen Zeichenkombinationen mit "%",
  Diakritikum + Grundzeichen, sind auch in den einfachsten
  Unicode-Fonts vorgesehen (zum Teil sogar als fertige Zeichen).

- Eine recht umfangreiche und weitgehend internationalisierte
  2-Byte-Schrift ist z.B. die mit Windows ausgelieferte Times New
  Roman - die man ja ebenfalls für sich noch erweitern kann.

- Ein Sonder- oder Kombinationszeichen erstellt man in einem
  Fonteditor am besten, indem man die entsprechenden Elemente
  *aus anderen, schon vorhandenen Zeichen* kopiert und diese zum
  neuen Zeichen zusammenfügt. So ist die typographische
  Einheitlichkeit sichergestellt. Es stimmt, ein neues Zeichen zu
  erstellen ist mitunter sehr zeitaufwändig (vor allem, wenn man
  es nicht aus vorhandenen Elementen konstruieren kann).  Doch 
  hat man den Aufwand nur ein mal pro Zeichen.

  Manche Fonteditoren haben eine eigene Makrosprache für die
  serienweise Konstruktion von Zeichen - schon daran sehen Sie,
  dass Schrifterweiterungen (auch in großen Mengen) nicht gerade
  die Ausnahme sind.

> Im Fall der letzten von mir gekauften
> Schrift gab es keinen Unterschied im realisierten
> Zeichenumfang zwischen Type1- und Unicode-Version. 

Das liegt wohl daran, dass auch die Hersteller einfach die 
vorhandenen Fonts konvertieren, weil die Nachfrage nach all den 
möglichen Sonderzeichen zu gering ist. Doch wenn die Diakritika 
vorhanden sind, genügt das ja meist.

> Ich schließe mich der Frage von Herrn Trauth an, ob und wo man
> die erwähnten professionellen und umfangreichen Schriften
> beziehen kann.

Das ist eine Idee von Herrn Trauth, die durch das Vorstehende
zumindest realtiviert sein sollte.

Doch sehen Sie in den einschlägigen Font-Katalogen immer auch den
Umfang des in einem Font enthaltenen Zeichensatzes.  Meiner
Meinung nach ist das aber nicht der Hauptpunkt - auch nicht in
Hinblick auf TUSTEP.

Einige gut ausgestattete und auch ästhetisch ansprechende
OTF-Schriften habe ich etwa bei Emigre gefunden.  Aber natürlich
bezieht sich das - wahrscheinlich aus Kosten- und Absatzgründen -
auch hier nicht unbedingt auf linguistische Spezialbedürfnisse.
Hier hat sich tatsächlich kaum etwas geändert.

Melden Sie sich einfach, wenn Sie noch Fragen haben.

Mit sehr herzlichen Grüßen

Hans Derkits

-- 
Hans Derkits
Hans.Derkits at utanet.at



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